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Eine Bordelumer Ära geht zu Ende

„Ich habe gehört, Sie haben Lehrermangel? Ich war Lehrer an der Theodor-Storm-Schule in Husum und wurde vor kurzem pensioniert. Wenn Sie mich gebrauchen können, setzen Sie mich ein.“

Mit diesen Worten stellte sich Rudolf Wiehe vor 20 Jahren in der Grundschule Bordelum vor. Und er wurde eingesetzt!


Jeden Tag von 8 bis 10 Uhr übte der Pädagoge ehrenamtlich mit den Kindern einzeln und in Kleingruppen das laute, sinnentnehmende Lesen und gab ihnen auf einem Bogen eine entsprechende, stets aufmunternde Rückmeldung, die auch für die Eltern und Lehrkräfte wertvoll war. Seine von ihm eingeführten fünf Smilies für einen guten Lesevortrag hatten Kultstatus, schafften es sogar auf das Logo des Fördervereins der Schule und wurden auf T-Shirts von den Kindern getragen.


Auf die Frage: „Wer möchte mit Herrn Wiehe heute lesen üben?“ reckten sich stets zahlreiche Finger in die Höhe. Mit liebevoller Geduld und Hingabe und so manchem Witz eroberte er die Herzen der Kinder im Sturm.


Um Erstklässlern das Lesen und Schreiben beibringen zu können, bildete er sich mit Hingabe fort. Er hospitierte bei den Kolleginnen und Kollegen und gab wiederum kostbare Rückmeldungen zu deren Unterricht. In liebevoller Detailarbeit stellte er kleine Leseheftchen und Arbeitsbögen her, sägte Holzbuchstaben und Zahlen für die selbstgetischlerte Fühlkiste aus und klebte farbigen Sand in Buchstabenform auf Holzplatten. Auch in Mathematik und bei besonderen Projekten wie Pflanzenbestimmung, Laubsägen und Musikinstrumente bauen war Rudolf Wiehe mit dabei. Nicht zuletzt war er Gründungsmitglied des Fördervereins.


Im Jahr 2001 erhielt Rudolf Wiehe für ein halbes Schuljahr sogar einen Dienstvertrag des Schulamtes.


2017 wurde er Teil des Filmes „Unsere Dorfschule“ (hart.film). Dort erzählt er, dass es ihm Freude bereitet, den Kindern im Bereich „Rechnen“ Knobelaufgaben zu stellen, die die Kinder herausfordern. „Es muss Spaß machen – beiden Seiten!“


Zu Kinderfesten und anderen Feierlichkeiten übte er mit den Kindern die Moderation ein. Langsam und betont sprechen, Blickkontakt herstellen und den Vortrag durch Körpersprache unterstützen – dies verinnerlichten die Kinder bei ihm spielerisch. Dafür tischlerte er eigens ein auf Kindergröße angepasstes Rednerpult, das noch heute in den Vollversammlungen genutzt wird.


„Ich mache das nicht für Sie! Das sind alles meine Enkelkinder!“, erklärte er einmal verschmitzt dem Lehrerkollegium.


Nun ist es das Coronavirus, das ihn zum Aufhören zwang. Stellvertretend für die vielen Schülerinnen und Schüler der letzten 20 Jahre dankten es ihm die derzeitigen Erst- bis Viertklässler mit einem liebevoll gestalteten Heft, in dem jedes seine Erinnerungen an ihn teilt.


Eine Ära geht zu Ende. Wir vermissen ihn sehr, respektieren aber seinen Rückzug und wünschen ihm von Herzen alles Gute!


Ein ganz herzlicher Dank geht an Rudolf Wiehe vonseiten der Schulleiterin Renate Harrsen, der ehemaligen Schulleiterin Ilka Jacoby und des gesamten Kollegiums.